Als einer der erfolgreichsten Zeichentrickfilme aller Zeiten dürfte "Der König der Löwen" angesehen werden. In typischer Walt-Disney-Manier verbindet er Kitsch und Kunst, tiefen Ernst und unbändigen Spaß, brutale Aktionen und wunderschöne Szenen zu einer turbulenten Handlung und quasi aus dem Handgelenk, ohne den erhobenen Zeigefinger benutzen zu müssen, wird uns auch noch ein paar kleine Denkanstöße vermittelt. Tief eingebrannt in mein Gedächtnis wird die Szene bleiben, in der dem zukünftigen König von seinem Vater der Kreis des Lebens erklärt wird. Nichts auf dieser Welt ist wirklich vergänglich, niemand ist wirklich wichtiger oder mächtiger als andere - wir alle sind Teil des Werdens und Vergehens und damit verbunden mit allem und jedem anderen in dieser Welt. Welch tiefe Weisheit wird in diesem vermeintlichen Kinderfilm ausgesprochen - würden wir doch alle diese Aussage ein wenig beherzigen!

Der Kreis des Lebens - etwas mehr als nur eine fixe Idee, wie mir scheint. Auch wenn man ihr nicht in jeder Weise folgen will, bleibt doch genug Substanz, um nachdenklich zu stimmen. Hat nicht jeder von uns, im Großen wie im Kleinen, positiv wie negativ schon die Erfahrung machen müssen, daß sich vieles im Leben in gleicher oder ähnlicher Weise wiederholt? Daß das Bild des ewigen Kreises, der Ring des stetigen Werdens und Vergehens auch für unsere ganz persönlichen Schicksale, losgelöst von allen globalen Zusammenhängen, gar nicht so schlecht gewählt ist? Nicht etwa im Sinne eines Schicksals, dem wir ohnehin nicht entrinnen können, vielmehr als Trost und Hilfe: Nichts ist auf Dauer verloren, irgendwann wird es in irgendeiner Form zu uns zurückkehren - allerdings haben wir dann oft Schwierigkeiten, es wiederzuerkennen.

Man wird es mir hoffentlich nachsehen, wenn sich diese Geschichte nicht allein um den Tierschutz dreht, wenn ich hier vielmehr sehr persönliche Dinge zu erzählen habe. Doch letztlich wurzelt auch sie wieder tief in meiner (oder besser: unserer) Tierschutztätigkeit, ohne diese wäre sie nicht möglich (möglicherweise aber auch nicht notwendig) gewesen. Es ist die Geschichte meiner Katzen (sie werden den Ausdruck "meiner" richtig zu würdigen wissen: es ist kein Besitzdenken, sondern der Ausdruck einer Zusammengehörigkeit); die Geschichte meiner "alten" Katzen und der "neuen", die ihre Eigenschaften ergänzen. Kurz gesagt: ein wichtiges Kapitel meines Lebens.

Kurz zur persönlichen Historie: Bis vor etwa zum Jahr 1990 waren meine Wohnung und ich katzenfrei. Von einem Spanienurlaub (der bezeichnenderweise seither auch mein letzter Urlaub war) kam Akaëna zu mir, kurz darauf gefolgt von Xiombarg, zwei Perserinnen, wie sie unterschiedlicher kaum sein können. Schwarz, klassisch und ein Wirbelwind die erste, von modernem Typus, blaucreme und eher zurückhaltend die andere. Dazu kamen dann noch Chimaïra, auch Bärchen genannt, eine blaucreme Britin und letztendlich Arioch, mein kleiner Kater, der den meisten inzwischen bekannt sein dürfte. Die Geschichte dieser Tiere habe ich vor längerer Zeit einmal geschrieben, Auszüge daraus werden zum besseren Verständnis der Zusammenhänge hier mit abgedruckt werden. Meine drei Mädchen sind inzwischen nicht mehr bei mir. Nein, nein, kein Grund für Beileidsbezeugungen, sie sind gesund, leben weiterhin zusammen und es geht ihnen gut, nur eben leider nicht mehr bei mir. Aber auch bei meinen Tieren gab es keinen Stillstand, zu Arioch kam Guapa, eine Aufnahmekatze, die sich in den Kopf gesetzt hatte, bei Arioch und mir zu bleiben und sich dabei auch auf keine Diskussionen einließ. Danach folgten Hijuela, deren Geschichte vor zwei Jahren an dieser Stelle zu lesen war und Captain Chaos, der auch nach fast 2½ Jahren immer noch zu scheu für eine Vermittlung ist, sich aber mit Arioch angefreundet hat (man kann es auch so ausdrücken: Arioch wollte endlich einen eigenen Kater) und längst Wohnrecht bei uns genießt. Zusammen mit einer wechselnden Zahl von Pflegetieren kann meine Wohnung also nicht gerade als unbelebt angesehen werden, keine Ursache also, sich nach weiteren Tieren umzusehen, spätestens seit Hijuelas Ankunft war nicht nur ein recht stabiler Zustand, sondern auch eine gewisse innere Ruhe eingetreten. Ach, ich hätte es besser wissen müssen, das Schicksal hatte mir eine kurze Verschnaufpause eingeräumt und holte schon zum nächsten Schlag aus ...

"Ich wollte nur mal hören, ob Du zu Hause bist. Ich komme gleich mal vorbei, das duldet keinen Aufschub!" Derart neugierig gemacht warte ich auf meinen Besuch. Lange muß ich nicht warten, der Weg ist nicht sehr weit.. "Wenn Du sie nicht nimmst, müssen wir sie einschläfern lassen! Geimpft ist sie." mit diesen Worten statt einer Begrüßung wird mir ein Pelzbündel in die Arme gedrückt, eine Perserkatze, blau oder blaucreme, so schnell kann ich das auf Anhieb nicht erkennen. Nicht doch schon wieder eine überflüssig gewordene Perserin, bitte!, Sie dreht ihren Kopf, sieht mir in die Augen und der Protest bleibt mir im Hals stecken. Es ist wie ein Tritt in den Magen, genau diese Augen haben mich vor mehr als sechs Jahren schon einmal alle Vorsätze vergessen lassen. Es ist meine Xiombarg, die mich da ansieht, älter und abgeklärter, als ich sie in Erinnerung habe, nicht ängstlich, sondern wachsam, aber ruhig. Ich weiß noch nichts über diese Katze, trotzdem scheint sie eine uralte Bekannte zu sein und ich werde sicherlich nicht zulassen, daß sie eingeschläfert wird! Also doch erst mal nachfragen, welche Bewandtnis es mit ihr hat. Die Geschichte ist schnell erzählt und deprimierend genug: die Katze ist 16 Jahre alt; ihre Halterin ist an vor kurzer Zeit an Krebs gestorben und keiner der Erben fühlt sich für sie verantwortlich. Bekannte hatten versucht, sie aufzunehmen, aber sie vertrug sich nicht mit dem dort lebenden Kater und so schien ihr Schicksal besiegelt. Karin und Liana hatten daraufhin kurzerhand beschlossen, für Perser sei ich zuständig und jetzt stehe ich da, die Katze im Arm und soll eine Entscheidung treffen. Als wenn das notwendig wäre! Diese Entscheidung ist doch schon vor mehr als sechs Jahren, im Juli 1990 gefallen! Ich muß gar nicht nachdenken: Selbstverständlich bleibt sie bei mir und alles andere wird sich ergeben. Ich wüßte nur gern so viel wie möglich über sie, vor allem muß ich unbedingt erfahren, warum sie mir so vertraut vorkommt. Papiere und Impfpaß werden mir in die Hand gedrückt, ich erfahre noch, daß sie am liebsten Sheba mag und bin wieder allein mit ihr.

Allein mit ihr - das war das Stichwort. Wie von Zauberhand ist meine Rasselbande, die beim ersten Klingelton spurlos verschwunden war, wieder da und will wissen, was es denn mit dem Besuch auf sich hatte. Sieh an, eine neue Katze! Guapa wendet sich angewidert ab; schon wieder eine, die sich wahrscheinlich nicht verprügeln läßt, das wird nervig. Die Zwerge verlieren ihr Interesse auch schnell, eben eine neue Katze, das kennt man ja schon. Arioch bleibt bei mir, denkt nach und staunt, wahrscheinlich gehen seine Gedanken ähnliche Wege wie meine. Immerhin war Xiombarg seine große Liebe, und die vergißt man bekanntlich nie.

Ihr reicht es inzwischen, auf dem Arm getragen zu werden, sie besteht darauf, auf den Boden gesetzt zu werden, um sich umzusehen. Anders als Hijuela vor zwei Jahren, die sich mitten ins Wohnzimmer legte und abwartete, was da passieren sollte, übernimmt sie den aktiven Part. Langsam und vorsichtig, ohne aber auch nur die geringste Angst zu zeigen, wandert sie durch die Wohnung. Andere Katzen, die ihr begegnen, werden kurz gemustert und, sollten sie ihr zu nahe kommen, warnend angefaucht: "Laß mich in Ruhe, dann haben wir keine Probleme!" Sie zeigt dabei ein bemerkenswertes Selbstbewußtsein, wieder eine der Katzen, denen es offensichtlich immer gut gegangen ist. Mir gibt das Zeit, die Papiere anzusehen. Impfpaß - Perser, weiblich, blaucreme, kastriert, Name "Bellis", geimpft - soweit die Daten, nicht sehr ergiebig. Na gut, sehen wir uns den Stammbaum an. Schon der Name läßt mich elektrisiert zusammenzucken: Bellis vom Illyesborn. Vom Illyesborn - das hatten wir doch schon mal! Es ist kein Licht, das mir da aufgeht, das ist ein wahres Feuerwerk! Irgendwo habe ich doch eine Kopie von Xios Ahnentafel, ja klar, das ist es! Xios Vater und Bellis sind Vollgeschwister, durch ein paar Jahre getrennt. Kein Wunder, daß sie mir so vertraut war! Noch kann ich es nicht fassen: ich habe meine Xiombarg wieder bei mir! Mit aller Kraft muß ich mir selbst klarmachen, daß diese Katze eben nicht Xiombarg ist, nur eben ein wenig dunkler, zierlicher und älter, sondern ein völlig anderes Tier, wenn auch mit ihr verwandt. Eben ihre Tante. Barleona. Ja, Barleona, entscheide ich. Barleona ist der einzige Name für sie. Er wird ihr hoffentlich Glück bringen.

Zwei Wochen lang geht alles gut, sie hat sich halbwegs eingelebt. Sie fühlt sich nicht wohl, das spüre ich deutlich, aber das würde sie nirgends. Sie wohnt in meinem Zimmer, macht von hier aus ihre Ausflüge und überrascht mich immer wieder, wenn sie urplötzlich auftaucht, alles längere Zeit beobachtet und dann (kopfschüttelnd, will mir scheinen) sich wieder in ihr Refugium zurückzieht. Dann kommt die erwartete Krise, sie hat augenscheinlich begriffen, daß ihre Bezugsperson nicht zurückkommen wird und zieht daraus ihre Konsequenzen - sie gibt sich auf. Ohne Vorwarnung wird sie krank, bekommt stärksten Durchfall, der mit dem Ausdruck "Kaskade" nur unvollkommen beschrieben ist und verweigert die Nahrung. Meine Tierärztin und ich sind ratlos, keine organischen Störungen. Sie will einfach nicht mehr, möchte einfach ihre Ruhe. Mit meiner wilden Entschlossenheit, Xio kein zweites Mal zu verlieren, hat sie nicht gerechnet. Boviserin und Babynahrung, so tief in den Rachen gespritzt, daß sie einfach schlucken muß! Ich bade sie förmlich in der Kraftnahrung, eine Flasche pro Tag ist das Minimum, ein teurer Spaß, fürwahr, aber das ist mir egal. Es ist ein zäher, verbissener Kampf, den wir führen, er fordert uns beiden alles ab. Endlich begreift sie, daß ich ebenso stur sein kann wie eine Katze und daß ich möchte, daß sie bei mir bleibt. Welcher der beiden Punkte letztlich den Ausschlag gegeben hat, werde ich wohl nie erfahren, aber nach knapp zwei Wochen habe ich gewonnen. Falsch, wir haben beide gewonnen, wenn wir überhaupt von gewinnen reden wollen, verloren hat keiner von uns. Sie fängt wieder an, normal zu essen, der Durchfall ist verschwunden und sie legt auch wieder ein wenig an Gewicht zu.

Sie arrangiert sich mit ihrer Umwelt, geht weiter allen aus dem Weg und schreit mich an, wenn ich das Essen nicht rechtzeitig bringe. Mit Arioch hat sie sich angefreundet, er ist gern in ihrer Nähe und ist der Einzige, der an ihrem Essen naschen darf. Nein, die große Liebe ist es nicht, die sie für mich empfindet, eher eine Art von freundlichem Respekt. Sie lebt ihr eigenes Leben innerhalb unserer Gemeinschaft, läßt sich wenig vorschreiben und will auch weiterhin nicht viel mit mir und den anderen zu tun haben. Ich erzähle ihr oft Geschichten meiner anderen Katzen, insbesondere ihrer Nichte und sie hört durchaus interessiert zu. Ab und zu braucht aber auch sie ihre Streicheleinheiten, dann darf ich sie in den Arm nehmen, sie schmust eine Weile, geht dann aber wieder ihre eigenen Wege. Es geht ihr so gut, wie es unter den Umständen möglich ist, sie macht durchaus keinen unglücklichen Eindruck und hat auch begriffen, daß sie für mich sehr viel bedeutet. Sie und Hijuela werden so lange bei mir bleiben, wie sie es wollen, das haben wir abgesprochen, wenn sie meinen, gehen zu müssen, werde ich sie nicht halten. Ich hoffe aber, daß uns ein paar gemeinsame Jahre bleiben werden. Und ich freue mich auf diese Jahre.

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... und die Schicksalsgötter, die sich über uns arme Sterbliche amüsieren, klopften sich vor Lachen auf die Schenkel. Hatten sie doch noch eine weitere Überraschung für mich bereit ...

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Einige von Euch waren im September 1996 auf der Ausstellung der Berliner ProKat in Hannover. Vielleicht kann sich der Eine oder Andere auch noch an die Sonderschau "Sibirische Katzen" am Sonntag erinnern und an das seltsame Gespann, das da in der Jugendklasse auf der Bühne stand. Beide hatten eine angenehme Zeit, spielten miteinander und zum Gaudi der Zuschauer verschwand die kleine Blaucreme auch mal im roten Overall. Die Wertung und alles andere schien beide wenig zu interessieren, sie hatten genug miteinander zu tun und auf die Fragen des Moderators gab es recht ausweichende Auskünfte. Oh ja, sie hatten ihren Spaß! (Dabei hatten sie sich erst ein paar Minuten vorher kennengelernt, aber dazu später mehr.) Und beide konnten nach Schluß der Ausstellung noch einmal zusammen gesehen werden, der menschliche Partner etwas geistesabwesend mit einem seltsamen Gesichtsausdruck, die Katze in seinem roten Overall, interessiert und ein wenig gespannt ob der Dinge, die da kommen sollten. Sie irrten gemeinsam eine Weile über den Parkplatz der Stadthalle, Fragen wurden, wenn überhaupt, recht einsilbig beantwortet. Sollte irgend jemand in dieser Runde immer noch grübeln, was der Auftritt zu bedeuten hatte, mag er beruhigt sein: Die Auflösung folgt sofort.

Die alljährlich im Herbst in Hannover stattfindende Katzenmesse der Berliner ProKat gehört in meinen Augen zu den am besten organisierten ihrer Art. Und da auch dieser Verein den Katzenschutz unterstützt, ist es keine Frage, daß uns hier kostenlosen Käfige für Tierschutzkatzen bereitgestellt werden. Da im Jahr 1996 in Hannover keine andere Ausstellung stattgefunden hatte, war der Besucherandrang entsprechend groß. Unsere Aussage, daß viele Menschen gern Rassekatzen ansehen wollen, für sich selbst dann aber doch eine "ganz normale" Hauskatze wünschen, bewahrheitete sich wieder einmal; unser Stand war an beiden Tagen gut besucht, wir konnten direkt und in der Folgewoche mehrere Tiere vermitteln und auch die Geld- und Sachspenden helfen uns bei unserer Arbeit weiter. Der große Tag war Sonntag: Sonderschau "Sibirische Katze". Eva und Liana hatten alle ihnen bekannten Züchter und Halter angeschrieben, sie wollten gern einen neuen Rekord aufstellen. Dazu reichte es dann leider nicht, 87 gemeldete Tiere wollen erst einmal überboten sein. Aber es war trotz allem ein imposantes Aufgebot an Sibirischen Katzen, die während der Sonderschau auf der Bühne zu sehen waren. Für einige Aussteller wurde es ein wenig hektisch, wenn gleichzeitig Tiere zum Richter gebracht und zur Sonderschau auf der Bühne gezeigt werden sollten. Auch Eva, unseren Zuchtwart, scheint dieses Los ereilt zu haben, eine Katze soll zum Richter, ein Jungtier auf die Bühne. Es wundert mich also kaum, daß sie mich um Hilfe bittet. "Hast du verlernt, wie man Tiere auf der Bühne präsentiert?" will sie wissen. Nein, keineswegs, kann ich sie beruhigen. Pferdefuß an der Sache: Ich konnte es eigentlich nie. Sie drückt mir das Tier in den Arm, verpaßt mir einen Schnellkurs "Wie trage ich eine Katze auf der Bühne?", ein Klaps auf die Schulter vom Typ "Du machst das schon" und ich bin unterwegs. Etwas albern komme ich mir schon vor, weiß nichts über die Katze, nicht einmal den Namen oder das Alter. Jungtier, Sibirier, blaucreme, weiblich. Na ja, muß eben reichen. Sie scheint das nicht weiter zu stören, erfreut, endlich wieder einen menschlichen Partner zu haben, erzählt sie mir ganz aufgeregt eine lange Geschichte über ihre Mutter und ihre Geschwister, ihr Zuhause, eine lange Fahrt in einer dunklen Box und die vielen Leute - all das sprudelt nur so aus ihr hervor. Sie zeigt keine Spur von Angst; Aufregung, ja, aufgeregt ist sie, ist doch alles neu für sie, aber ängstlich - nein, was ist das? (Ich muß erst noch lernen, daß das in Fachkreisen als Kranz-Katzen-Effekt bekanntgeworden ist, ähnlich der Schußfestigkeit von Jagdhunden. Diese Tiere werden einfach mit jeder Situation fertig, man kann ihnen keine Angst einjagen.) Wir haben die Bühne erreicht, im Halbkreis werden die Jungtiere präsentiert, keine leichte Aufgabe für den Richter, hier eine Reihenfolge zu vergeben - aber das ist nun einmal sein Job. Meiner kleinen Freundin wird das doch ein wenig mulmig, sie möchte zurück in die Geborgenheit. Tut mir leid, wir müssen schon warten, bis wir dran sind. Ich schiebe sie kurzerhand unter meinen Overall, die Zahl der Katzen, die dort gesessen und sich wohl gefühlt haben, ist inzwischen Legion. Die Zuschauer scheint das zu belustigen, als Ole mit seiner Kleinen auch noch spielt und sie sich über den Rücken laufen läßt, haben wir das Publikum sicher auf unserer Seite. Der Richter quittiert die Vorgänge mit einem feinen Lächeln, beeinflussen kann ihn all das nicht. Die Wertungen werden in absteigender Reihenfolge verlesen, irgendwann wird auch Nadeshda aufgerufen. Das kommt mir bekannt vor, das sind offensichtlich wir. "Nadeshda N. - wofür steht das N.?" will der Moderator wissen. Ich freue mich, eine konkrete Antwort geben zu können: "Keine Ahnung!" Er schaut mich vorwurfsvoll an, erinnert sich möglicherweise an eine ähnliche Eskapade mit Arioch, die einige Jahre zurückliegt. Mit einem (fast) biblischen Zitat kann ich ein wenig Verständnis wecken: "Fürwahr, ich kenne diese Katze nicht!" Ich erkläre kurz die Situation, sein Blick erhellt sich sichtbar. Das ist natürlich etwas ganz anderes. (Ein paar Leute müssen bei diesen Szenen vor Lachen in die Käfige gebissen haben, aber dazu kommen wir noch!) Mit ein paar freundlichen Worten und Szenenapplaus verlassen wir die Bühne, ich liefere meinen Pflegling ab und kann mich wieder dem Tagesgeschehen zuwenden.

Der Tag vergeht wie im Fluge, eine Menge Gespräche, Informationen, wir hören uns Probleme an, alte Bekannte kommen uns besuchen, nebenbei müssen noch ein paar Einkäufe erledigt werden, dann ist der Abschied wieder einmal gekommen. Uns Hannoveranern brennt die Zeit nicht so sehr unter den Nägeln, wir helfen also den anderen beim Abbau und beim Beladen der Autos. Einer nach dem anderen verschwindet, Eva war eine der ersten, ich hatte nicht einmal Zeit, mich von Nadeshda zu verabschieden. Schade, aber vielleicht ist es besser so. Endlich sind auch wir soweit, die meisten Utensilien sind verstaut. Ich bin auf dem Weg vom Auto in die Halle, als ein Wagen neben mir stoppt. Karin, unsere Tierschutzbeauftragte. Sie drückt mir einen großen Karton in die Hand, "Ein ausgesetztes Tier, ist bei mir abgegeben worden. Bei mir ist alles voll, kümmere Dich doch bitte darum!" Weg ist sie und ich stehe da mit dem Karton, aus dem es leise maunzt. Nach einem solchen Tag ein Problem serviert zu bekommen ist doppelt hart, das Leben hat uns eben wieder. Vorsichtig öffne ich den Karton, man weiß ja nie. Was jetzt folgt habe ich vor fast 1½ Jahren schon einmal erlebt:

"Der Deckel ist noch nicht ganz offen, schon schiebt sich ein Köpfchen heraus und ein vorwurfsvoller Blick trifft uns: "Wie könnt Ihr mich bei so gutem Wetter einfach einsperren?" " (So, so, das kommt einigen Lesern bekannt vor? Gut aufgepaßt, es ist tatsächlich ein fast wörtliches Zitat. Vanisha, meine kleine Pflegekatze, lernte ich so kennen. Wie gesagt, alles kommt einmal wieder ...)

Ich starre wie gebannt auf das Bündel, das dem Köpfchen folgt, ich begreife im wahrsten Sinne des Wortes nichts. Und das Gesicht - wo habe ich es schon einmal gesehen? Vanisha, ja, sie sieht ihr ein wenig ähnlich, aber das war es nicht. Plötzlich kann ich keinen klaren Gedanken mehr fassen, irgend etwas muß ich jetzt tun, sonst drehe ich durch, soviel wird mir noch klar. Kurz entschlossen hole ich das Tier aus dem Karton und stopfe es unter meinen Overall. Ihr scheint das zu gefallen, sie schmiegt sich an mich und fängt leise an zu schnurren. In die Halle will ich nicht zurück, ich brauche Bewegung, um meinen Kopf zu befreien. Ein paar Bekannte, die uns auf dem Weg über die Parkplätze begegnen, wundern sich wahrscheinlich über meine geistesabwesenden Antworten, besser kann ich es im Moment leider nicht. Wir irren minutenlang auf dem Gelände umher, dann fällt plötzlich der so hartnäckig klemmende Groschen. Es ist erst sechs Stunden her, seit wir uns verabschiedet haben. Meine kleine Freundin Nadeshda ist es, die da abgeliefert worden ist. Gut, so weit sind wir schon mal gekommen. Weiter bringt mich das auch nicht, ich begreife immer weniger, was das alles zu bedeuten hat... Es ist ein grausames Spiel, das da mit mir gespielt wird.

Nein, ist es nicht. Oder besser gesagt: Sollte es nie sein, das werde ich bald erfahren. Aber im Moment bringt mich das nicht weiter, schließlich kann ich es nicht wissen. Grübeln hilft auch nichts, ich komme nicht auf die Lösung. Aber irgend jemand muß etwas wissen, und wer viel fragt, bekommt viele Antworten, also lenke ich meine Schritte Richtung Ausstellungssaal. Ich werde schon erwartet. Liana lächelt mich an und drückt mir einen Stoß Papiere in die Hand: Ahnentafel, Impfpass, Gebrauchsanweisung... Mit leiser Stimme fängt sie an, mir alles zu erklären. Ich verstehe kaum die Hälfte, dazu bin ich jetzt nicht in der Lage, aber es reicht auch so. Hier einmal zum besseren Verständnis die bereinigte Kurzfassung: Angesichts des Umstandes, daß bei mir immer nur die alten und/oder scheuen Katzen bleiben, die niemand sonst haben will, während ich all die Tiere, an denen immer wieder mein Herz hängt, abgeben muß und außerdem immer noch meinen drei Mädchen nachtrauere sollte ich ein Tier bekommen, daß für eine (hoffentlich) lange Zeit bei mir bleiben soll. Nadeshda als kleinste, aber deshalb frechste aus ihrem Wurf war ausgewählt worden, immerhin hätte sie sich gegen eine sich stetig verändernde Zahl anderer Tiere durchzusetzen. Auf die Bühne hatte man uns geschickt, um festzustellen, wie wir miteinander zurechtkommen. Und da wir diese Feuerprobe generös bestanden hatten, war mir jetzt auf etwas seltsame Art ein Geschenk übergeben worden, das ich unmöglich zurückgeben konnte, war die Halterin doch inzwischen längst auf der A2 gen Westen unterwegs. (Was ist nur aus dieser Welt geworden, in der man nicht einmal Vorsitzenden, Zuchtwarten und Tierschutzbeauftragten mehr trauen kann?)

Mein Dank fällt wahrscheinlich etwas lau aus, ich bin viel zu aufgeregt, zumal dicht unter meinem Gesicht ein Köpfchen vorwurfsvoll geschüttelt wird: "Daß Du mich nicht gleich erkannt hast ... Aber sperr mich bitte nicht wieder ein, nein?" Nein, mein Mädchen, Du kannst bleiben, wo Du bist, mit Katzen im Overall habe ich genügend Erfahrungen. Und wenn Du gern Auto fährst, können wir uns noch ein wenig besser kennen lernen. Vorsichtiger als sonst ist mein Fahrstil, niemand soll sich erschrecken. Außerdem muß ich mich auf andere Dinge konzentrieren, ich habe viel zu erzählen. Über all die Katzen in der Wohnung, über die Katzen, die auf Dauer mit mir (und jetzt auch ihr) zusammenleben und speziell über Arioch, der nicht gern einen Keil zwischen sich und mich treiben läßt. All das läuft stumm ab, geht im Gespräch und dem offiziell an sie gerichteten "Gaaaaanz ruhig, Du mußt niemals mehr Angst haben" völlig unter - außer uns weiß niemand etwas davon. Zwischenstop, Liana mit Kind, Katzen und Gepäck ist zu Hause, nein, ganz ruhig, wir sind noch nicht dran, wir fahren gleich weiter. Uns dann stehe ich vor meiner Tür, das Herz klopft bis zum Hals. Wie werden die anderen, wie wird Arioch reagieren. Wird er wieder humpeln oder hat er einen neuen T(r)ick? Tief Luft holen, jetzt gilt es!

"Hallo Arioch! Ich bin eine süße kleine Katze, mein Name ist "Nadeshda Nevertheless the Sweetest", der Chef nennt mich Nadia, die Lilie und ich mag Dich!" Diese Begrüßung trifft meinen kleinen Kater unvorbereitet, hat er doch gerade erst begriffen, daß uns da ein neuer Wohnungsmitinhaber ins Haus geschneit ist. Er ist sichtlich verblüfft, so etwas hat er noch nicht erlebt. Sie ist inzwischen weitergestürmt, macht Hijuela und Guapa ihre Aufwartung. Als wohnte sie seit ewigen Zeiten hier tollt sie durch die Räume, zeigt keine Scheu, fremdelt nicht eine Sekunde lang. Mit ihrem Charme wickelt sie alle ein, anders als bei früheren Begegnungen dieser Art fällt kein böses Wort, nicht einmal Guapa hat Einwände. Eine so problemlose Eingliederung eines neuen Familienmitglieds habe ich noch nie erlebt. Eben eine Kranz-Katze!

Und plötzlich (und unerwartet, wenn diese Kombination auch sonst einen eher bitteren Geschmack hat) habe ich fast all meine Lieben wieder bei mir. Da ist eine Perserin, die Xiombargs Tante ist, eine kleine blaucreme Katze, die keifen kann wie Chimaïra (ich wußte bis zu diesem Zeitpunkt nicht, wie ähnlich sich Briten und Sibirier im Charakter sind), mit der ich unterwegs sein kann wie mit Akaëna und Chimaïra (es macht Spaß, mit ihr einen Weihnachtsbasar zu besuchen, man ist sofort der Mittelpunkt), selbst Vanisha scheint wieder bei uns zu sein, der kleine Gnom mit der konstant guten Laune.

Ganz so einfach ist es selbstverständlich nicht. So sehr ich meine Tiere auch liebe, ein Ersatz für Akaëna, Xiombarg und Chimaïra können, sollen und werden sie nicht sein. Es sind völlig andere Persönlichkeiten, die sich da in mein Leben geschlichen haben. Das ist in keiner Weise abwertend gemeint, ich werte nicht, meine neue Crew ist mir lieb (und teuer!), aber wie sangen schon die Walker Brothers? Richtig, "First love never ever dies" - darin liegt der feine Unterschied. Ich würde keines meiner Tiere gegen die Vergangenheit eintauschen und werde alles daran setzen, daß wir so lange wie irgend möglich zusammen bleiben können, solange es meinen Tieren zugemutet werden kann. Und seltsamerweise ist es mir, durch Erfahrung etwas klüger geworden, nie so schwer gefallen, eine Katze kastrieren zu lassen wie bei meiner kleinen Nadia. Es ist ein so endgültiger Schritt, rein rationell begründet. Ich hätte gern einen Wurf mit ihr gehabt, es war ein reiner Sieg der Vernunft über die Wünsche und ich hoffe, es wird sich nicht eines Tages als Fehler erweisen. Aber das wird die Zukunft erweisen.

"Nanu, wen haben wir denn da? Die kenne ich ja noch gar nicht, woher hast Du die?" Meine Tierärztin ist zu Besuch, angesichts der Menge der zu impfenden Tiere hat sie sich angeboten, zu mir zu kommen, um alle impfen zu können, es bedeutet weniger Streß für die Tiere. Und natürlich fällt ihr Nadia sofort auf, die keine Anstalten macht, sich zu verstecken wie die meisten anderen. Ich erzähle ihr die Geschichte in Kurzform . Ihr Urteil ist kurz und vernichtend: "Weil Du ja ohnehin zu wenig Tiere hast! Ich glaube, Deine Freunde spinnen!" Eine gute Stunde später, nachdem alle Tiere geimpft sind, wir in Ruhe eine Tasse Kaffee getrunken haben und sie ausgiebig mit Nadeshda, die sie wie eine alte Bekannte behandelt, geschmust hat, gilt diese Aussage dann doch nicht mehr. "Ich muß mich bei Deinen Freunden entschuldigen, sie hatten recht. Die Kleine ist wirklich gut für Dich!" (Bezeichnenderweise ist es ihr fast noch schwerer gefallen als mir, die Kastration durchzuführen.) Dieser Aussage ist wohl nur wenig hinzuzufügen.

Was mir bleibt, ist jetzt nur noch, mich nochmals bei allen Beteiligten herzlich zu bedanken - mein Leben ist dadurch um einiges bereichert worden.

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