Den Niedergang der ehemaligen DDR wird niemand unter uns ernsthaft bedauern können. Im Rahmen der danach fälligen Aufräumungsarbeiten wurden dann allerdings auch Dinge zu den Akten gelegt, deren Überleben mich gefreut hätte. Ich rede jetzt nicht von hehren Idealen wie Anspruch auf einen Arbeitsplatz, billigen Wohnungen und Grundnahrungsmitteln und was sonst noch unterschiedlich zu unserem eigenen System war, all diese Errungenschaften waren zu teuer erkauft. Was mir ganz persönlich abgeht, sind vielmehr die kleinen Dinge des täglichen Lebens, die liebevollen Farbtupfer und dabei ganz besonders, man möge mir das verzeihen, einige Fernsehsendungen. So konnte man sich darauf verlassen, daß montags regelmäßig alte Spielfilme zu sehen waren, von denen ich teilweise nicht einmal wußte, daß sie je gedreht worden waren und Willi Schwabe zauberte uns in seiner Rumpelkammer immer wieder wahre Schmankerl der Unterhaltung herbei. Doch besonders war mir eine Fernsehsendung ans Herz gewachsen, die fast so alt war wie ich, die allen Widrigkeiten und Zeitströmungen zum Trotz jahrzehntelang fast schon eine Institution war und erst der Wiedervereinigung aus Gründen, die mir nie recht ersichtlich waren, angepaßt um nicht zu sagen: geopfert wurde. Ich meine das Sandmännchen des Deutschen Fernsehfunks Ost, der dienstältesten Gute-Nacht-Sendung für Kinder. Während im Westen Sendungen dieser Art nach und nach von allen Sendern eingestellt wurden, trat im Osten weiterhin jeden Abend ein kleines bärtiges Männchen an mit der Absicht, kleinen Kindern eine mehr oder weniger unterhaltsame Geschichte zu erzählen, ehe sie sich für den Tag zur Ruhe begaben. Im Lauf der Zeit wurde wenig am Konzept der Sendung geändert, allen Moden tapfer trotzend blieb sich diese Sendung bis zu ihrem unrühmlichen Abgesang treu. Und noch heute, Jahre (wenn nicht Jahrzehnte), nachdem ich dieses Betthupf erl zuletzt gesehen habe, muß ich nur daran denken und sehe vor mir sofort das kleine Männchen auf einer Wolke herbeireiten, um seine tägliche Pflicht zu tun und höre auch das kleine Liedchen, mit dem jede Folge eröffnet wurde: "Kommt ein Wölkchen angeflogen, schwebt herbei ganz sacht ...."
Ein Wölkchen schwebte auch mir ins Haus und verschönt seit einigen Monaten mein Leben. Kein sphärisches Wölkchen wie das, auf dem Sandmännchen zur Arbeit ritt; vielmehr eine sehr reale, sehr irdische Wolke, die es verstanden hat, in kürzester Zeit nicht nur mich, sondern auch meine Mitbewohner auf ihre Seite zu ziehen und fester Bestandteil unserer Gemeinschaft zu werden. Wäre alles in normalen Bahnen verlaufen, weilte sie seit August des vergangenen Jahres nicht mehr unter den Lebenden und wie bereits in einem anderen Fall bedurfte es viel engagierter Tierliebe, einer Kette der Hilfsbereitschaft und einiger Zufälle, daß letztlich alles doch noch positiv ausging.
Neugierig geworden? Wenn nein, sehen Sie es mir bitte nach, aber ich habe Ihnen schließlich nicht mehr gestohlen als etwa eine Minute Ihrer Zeit. Trotzdem, es tut mir leid, daß ich mich von Ihnen verabschieden muß. Für alle anderen aber möchte ich hier eine Geschichte erzählen, die mir am Herzen liegt.
Alles beginnt - wie immer ohne Vorwarnung - am 16. August des Vorjahres, einem Dienstag. Am frühen Nachmittag ruft eine Freundin an, es gibt ein Problem mit einer älteren Katze, die unbedingt sofort untergebracht werden müsse; die Halterin habe urplötzlich Asthmaanfälle und müsse sich von dem Tier trennen. "Du hast doch im Moment Platz, kannst Du sie nicht erst mal aufnehmen, bis wir etwas für sie gefunden haben?" Stimmt, Platz habe ich derzeit, warum also nicht - aber wirklich nur vorübergehend, stimme ich zu und bekomme als Gegenleistung die Telefonnummer einer Tierpension, dort könne ich Einzelheiten erfahren.
Hier begegnet man mir erst einmal mit Mißtrauen, woher ich denn von der Angelegenheit wisse. Ach so, eine Freundin aus der Katzenhilfe, das ist natürlich etwas ganz anderes, die Barriere fällt sofort und ich höre in Kurzform folgende Geschichte: Die Katze, eine vierzehnjährige Perserin, (weiß aber nicht taub, wie betont wird), lebt bei einer 86 Jahre alten Dame in Neustadt. Die hat nun ohne jede Vorwarnung schwere Asthmaanfälle bekommen, liegt derzeit im Krankenhaus und darf keinesfalls weiter eine Katze halten. Das Tier war zuerst von den Kindern, dann von den Enkeln übernommen worden, es hatte aber Schwierigkeiten mit bereits vorhandenen anderen Tieren gegeben, und so war man schließlich auf den Ausweg verfallen, die Katze töten (oder einschläfern, wie man zu sagen pflegt, das klingt doch gleich so viel angenehmer) zu lassen. Die Tierärztin, offenbar eine recht engagierte Dame, hatte das abgelehnt und gleichzeitig ihren Bekanntenkreis aktiviert mit dem Ziel, dem Tier eine neue Bleibe zu beschaffen. Auf einigen Umwegen war jetzt zumindest eine Zwischenlösung erreicht. Ich erhalte eine weitere Telefonnummer, die der Tierärztin, sie kennt das Tier und kann mir alle Einzelheiten schildern. Ich werde noch gebeten, doch bei Gelegenheit kurz zu erzählen, wie die Geschichte ausgegangen sei.
Die Tierärztin freut sich, daß ihr Hilferuf in so kurzer Zeit Wirkung gezeigt hat. Sie hat Blutproben entnommen, um Gina, auf diese Weise erfahre ich auch den Namen des Tiers, auf Leukose, FIP und FIV testen zu lassen, ich solle also besser die Ergebnisse abwarten. Da meine Tiere durchgeimpft sind, ist das für mich erst in zweiter Linie interessant, erst mal muß der Katze geholfen werden. Und ich bekomme, Sie werden es schon erraten haben, wieder eine Telefonnummer, die der Enkelin, bei denen Gina untergebracht ist.
Leider ist dort niemand zu erreichen, nur ein Anrufbeantworter ist bereit, sich meine Geschichte anzuhören. Er macht seinem Namen allerdings keine Ehre, beantwortet meinen Anruf nicht, sondern nimmt ihn nur kommentarlos entgegen. Ich kann nur abwarten.
Im Lauf des nächsten Tages kommt kein Rückruf. Verwundert wende ich mich noch einmal an die Ärztin, sie versteht das auch nicht. Und weitere Telefonate führen auch zu nichts, außer dem Anrufbeantworter scheint niemand zu Hause zu sein. Am nächsten Morgen dann endlich der erste Kontakt, ich erreiche die Enkelin. Sie wollte nicht mit meinem Anrufbeantworter sprechen, dazu war ihr die Angelegenheit zu wichtig, und wir hatten aneinander ansonsten verfehlt. Sie will heute abend mit Gina zu mir kommen, dann können wir entscheiden, ob die Katze bei mir bleiben solle.
Vielleicht ist es besser, die Katze erst einmal separat unterzubringen, ich bereite das Gästezimmer für sie vor; Toilette, Schlafgelegenheit, Futternäpfe müssen bereitstehen. Katzen haben ein feines Gespür für bevorstehende Veränderungen; Arioch und Guapa merken, daß ich irgend etwas plane und sind genau so aufgeregt wie ich.
Es klingelt und mein Besuch ist da. Ein jüngeres Pärchen, sie hat die Katze auf dem Arm. Der erste Anblick ist enttäuschend: Eine weiße Katze, Perser oder Persermischling, mit reichlichem Übergewicht. Dazu ein fast kahler Bauch - Hormonstörungen, erfahre ich, Tabletten zur Behandlung hat man mitgebracht. Aber dann sind da die Augen, und all das ist vergessen. Nicht die Kinderaugen, die mich an Xiombarg damals so fasziniert haben, sondern ein paar alter, milder, unendlich kluger und abgeklärter Augen, die mir direkt in die Seele zu schauen scheinen. Was sie dort gesehen hat, beeindruckt sie wohl nicht zu sehr, desinteressiert wendet sie sich ab, verlangt, jetzt auf den Boden gelassen zu werden und legt sich dort hin, ohne Scheu, ohne den Wunsch, sich zu verstecken, wie es Katzen in fremder Umgebung oft tun. Sie sieht sich aufmerksam um als ob sie ahnt, daß sie hierbleiben wird und nimmt von uns keine weitere Notiz mehr.
Wir haben dadurch Zeit, uns zu unterhalten und ich erfahre Einzelheiten aus Ginas Leidensweg. Die ganze Familie ist offenbar sehr tierlieb, jeder hat Katzen und/oder Hunde, und genau das erwies sich als Hindernis. Sowohl Kinder als auch Enkel waren sofort bereit, sich des Problems anzunehmen, sie wurde jedoch praktisch von allen Tieren gejagt und verprügelt, ein auf Dauer unhaltbarer Zustand. Von einem der Hunde schnappte sie dann auch noch Flöhe auf und als die Hormonstörungen verstärkt einsetzten, hielt man es für die beste Lösung für das Tier, sie einschläfern zu lassen; eine Vermittlung schien praktisch ausgeschlossen. Die Entscheidung war niemandem leichtgefallen, aber man wußte eben keine andere Lösung. Und sie können es immer noch nicht ganz fassen, daß sich doch noch ein Ausweg bietet, auch wenn es zunächst kein Dauerzustand bleiben soll.
Dabei sind für mich die Würfel doch längst gefallen. Wie schon einmal haben die Augen mich bezwungen, mir ist klar, daß Gina eine neue Heimat gefunden hat. Zugeben werde ich das zunächst einmal besser nicht, wer gilt schon gern als sentimental? Also finde ich auch eine rationelle Begründung, warum sie zumindest vorläufig bei mir bleiben wird: bis die Hormonstörungen einigermaßen im Griff sind und das Fell am Bauch nachgewachsen ist werden zwei bis drei Monate vergehen, in diesem Zustand ist sie nicht vermittelbar. (Pulmo läßt wieder einmal herzlich grüßen, fällt mir dabei auf!) Und dann sehen wir weiter ...
Die Beiden haben sich überzeugen können, daß Gina gut untergekommen ist, sie haben auch ein paar Dinge mitgebracht, um ihr die Umstellung ein wenig zu erleichtern: ihre Näpfe, ein wenig Spielzeug, ihre Lieblingsdecke. Ich fülle die Näpfe, bringe alles in das Gästezimmer und kann nur hoffen, daß alles gut gehen wird. Wir verabschieden uns, sie müssen ihrer Großmutter alles erzählen, ich mich um meine Tiere in der Ohestraße kümmern. Gina wird in ihr Zimmer gebracht, die Tür lehne ich nur an, sie soll sich nicht eingesperrt fühlen. Kein Versuch, sich die Heimfahrt zu erzwingen, entweder hat sie sich aufgegeben oder sie hat eine bemerkenswert stabile Psyche. (Wie ich inzwischen weiß, trifft der zweite Punkt zu. Sie ist eine starke und gereifte Persönlichkeit, die so leicht nichts aus der Bahn wirft. All die Schwierigkeiten, die sich ihr in den Weg gelegt hatten, haben ihr glücklicherweise nichts anh aben können, sie ist eine fröhliche und anpassungsfähige Dame, sogar mir recht viel Humor, der ihr, wie es scheint, durch die Fährnisse geholfen hat.)
Ich mache mir unterwegs doch einige Gedanken. War es richtig, Gina mit meinen zwei Chaoten allein in der Wohnung zu lassen? Ich hatte sie gar nicht miteinander bekanntmachen können, Arioch war (wie immer) beim Ertönen der Klingel in sein Versteck geflüchtet und hatte von der neuen Wohnungsgenossin noch nichts gemerkt, Guapa hatte ein wenig gekeift und die Angelegenheit ansonsten als für sie uninteressant eingestuft. Inzwischen hat die Neugier aber beide garantiert nicht ruhen lassen, sie haben sich wahrscheinlich schon um Gina gekümmert und das macht mir ein wenig Kummer. All meine Befürchtungen erweisen sich als gegenstandslos, Gina hat die Flucht nach vorn angetreten: Sie hat ihr Zimmer verlassen, liegt mitten im Wohnzimmer auf dem Teppich, von zwei schwarzen Schatten vorsichtig umkreist. Ein Bild, das mich zum Lachen reizt: In der Mitte Gina, ein weißer Fellberg, interessiert ihre Umgebung beäugend und zwei schwarze Katzen, die vorsichtig von einem Versteck zum anderen schleichen, mit gereckten Hälsen, aufgeregt und neugierig. Sie können einfach nicht fassen, was ihnen da ins Haus geschneit ist, sich in ihrer Wohnung aufhält und, eine schlimmere Affront ist kaum denkbar, sich nicht einmal um sie kümmert, sondern sich benimmt, als gehöre sie hier her. Ich sollte also versuchen, sie aneinander vorzustellen. Aber wie nichtig sind doch meine Versuche, niemand hört mir zu! Arioch glaubt zunächst, ich wolle mit ihm schimpfen und verkriecht sich, überlegt es sich dann und kommt zurück, mir laut keckernd seine Ansicht der Dinge darlegend. Und Guapa hat noch nie interessiert, was ich ihr sage, sie fühlt sich seit ihrem vermeintlichen Sieg als Herrin der Wohnung und sieht es als völlig sicher an daß das da nicht hierbleibt, sondern so schnell wie möglich verschwindet. Gina indes kümmert all das wenig, sie hat in letzter Zeit derart viel erlebt, daß sie selbst Guapas Fauchen als freundliche Begrüßung versteht und schaut sich weiterhin begeistert um. Und dann wuchtet, anders ist diese Bewegung nicht zu beschreiben, sie sich hoch und sucht etwas zu essen - nicht etwa in ihrem Zimmer, sondern in der Küche, wo auch die anderen Näpfe stehen. Und so plump sie auch aussehen mag, sie schwebt förmlich dahin und dieses Schweben in Verbindung mit dem langen weißen Fell ruft in mir erstmals die Assoziation zu einer weißen Wolke hervor, dabei ist es bis heute für mich geblieben und es freut mich immer wieder, wenn auch Besucher sie sofort als "Weiße Wolke" betiteln.
Und damit sind wir bei meinem nächsten Problem, "Gina" paßt kaum in meine Namengebung und die Zeit war einfach zu kurz, eine passende Bezeichnung für sie zu finden "Weiße Wolke" wäre nicht schlecht, auf spanisch wäre das beispielsweise "Blanca Nube", aber ganz paßt mir das auch nicht. Und so aktiviere ich meine Bekannten und forsche auch per Mailbox, ob nicht eine indianische Variante dieses Namens bekannt sei. Einer Freundin gelingt es bei der Suche in der Bücherei, einen viel besseren Namen zu finden. "Hijuela" heißt sie seitdem - einige Freunde wissen, was diese Bezeichnung bedeutet. Der Name hat weder mit "weiß" noch mit "Wolke" etwas zu tun, er kann vielmehr als Anspielung auf meine Situation angesehen werden - aber er klingt, so meine ich, auch dann wunderschön, wenn man die genaue Bedeutung nicht kennt. Anfangs wird sie weiterhin auch Gina gerufen, nach und nach unterbleibt diese Bezeichnung und inzwischen hat sie sich an ihren neuen Namen gewöhnt.
Doch zurück zu den Anfängen: Es kostet wieder einmal viel Zeit und Mühe, Guapa mit dem Gedanken an eine Mitbewohnerin vertraut zu machen. Irgendwann hat sie aber eingesehen, daß ihr von dieser Seite keine Gefahr droht und sich arrangiert - keine große Liebe zwischen den Beiden, aber immerhin ein Nichtangriffspakt. Ganz anders dagegen Arioch. Für ihn war und ist Hijuela ein Ding aus einer anderen Welt. Er hat ja nun inzwischen eine ganze Reihe von Farben kennengelernt: schwarz, schwarzweiß, blaucreme, rot, getigert, gestromt - all das kennt er. Aber weiß - nein, das darf es doch nicht geben! Und dazu soooo viel Fell, das erinnert ihn an seine erste große Liebe Xiombarg. Ich weiß nicht, ob Katzen an Gespenster glauben, aber wenn ja, sieht er eins. Und so sitzt er auch heute noch ab und zu vor Hijuela, jammert leise vor sich hin und versucht mit der Pfote ganz vorsichtig herauszufinden, ob das, was er da sieht, auch real ist. Und es beruhigt ihn offensichtlich ungemein, daß er dann angefaucht wird, derart weltliche Dinge sind ihm bestens vertraut. Und er ist es auch, der schon nach zwei Tagen vorsichtig anfängt, mit Hijuela zu schmusen und ihr damit die Eingewöhnung erleichtert.
Es dauert drei Nächte, bis Hijuela erlaubt wird, nachts auch ins Schlafzimmer und sogar ins Bett zu kommen. Damit mich niemand falsch versteht: Nicht ich habe diese Regeln gemacht. Bei allem Verständnis, auch Arioch erlaubt einem Neuankömmling nicht, einfach so in unser Refugium einzudringen, zunächst einmal wird sie konsequent vertrieben. Ich kann sie dann nur trösten gehen, das tut ihr sichtlich gut. Und nach ein paar Tagen ist der Bann gebrochen, erstmals wird Hijuela gnädig erlaubt, das Bett zu erklimmen und sich neben mich auf das Kopfkissen zu legen, zunächst noch argwöhnisch beobachtet, dann schon ganz selbstverständlich. Für mich wir es nun noch ein wenig enger im Bett, Hijuela auf dem Kissen, Arioch und Guapa auf der Bettdecke, jede Bewegung wird mit Unwillen zur Kenntnis genommen - aber das ist ein sehr geringer Preis, wie ich finde.
Bleibt noch eine Hürde, Gina sollte ja nur bis zur Vermittlung bei mir bleiben. Und prompt ruft nach knapp zwei Wochen meine Freundin wieder an, eventuell gibt es eine Stelle für das Tier. Jetzt ist guter Rat teuer; ich stottere etwas von kahlem Bauch, schlechtem Allgemeinzustand und daß ich noch etwas Zeit brauche, sehr überzeugend muß ich aber nicht gewesen sein. Sie unterbricht sich plötzlich mitten im Satz, fängt laut an zu lachen und fragt ganz direkt: "Du willst sie gar nicht mehr hergeben, richtig?" Damit muß ich nun endgültig Farbe bekennen, nein, weitere Vermittlungsversuche können wir uns sparen, wir werden zusammenbleiben, so lange es eben geht.
Bereut habe ich diese Entscheidung nie. Hijuela ist fester Bestandteil unserer "Wohngemeinschaft" geworden. Ihr Übergewicht werde ich wohl kaum in den Griff kriegen, die Hormonstörungen haben wir einigermaßen unter Kontrolle. Sie ist nicht die agilste Katze, die ich kenne, liebt eher ihre Ruhe. Auch springen und klettern gehört nicht zu ihren Lieblingsbeschäftigungen, aber sie hat es sich inzwischen angewöhnt, mich an der Wohnungstür zu begrüßen und mich anzustrahlen, danach erwartet sie wie selbstverständlich einen Leckerbissen. Sie kann es hören, wenn ich an Vitamintabletten nur denke und ist dann vor mir in der Küche, um ihren Anteil in Empfang zu nehmen. Den Balkon hat sie in kürzester Zeit entdeckt und freut sich, bei gutem Wetter im Freien auf die Umgebung herabschauen zu können. Mit den anderen Vierbeinern kommt sie gut zurecht und wird respektiert, es ist verblüffend zu beobachten, wie selbst Jungtiere oder kurzzeitig aufgenommene Katzen sie bei ihren doch oftmals recht rauhen Spielen in Ruhe lassen. Sie liegt dann da, staunt und scheint sich Gedanken in der Art "Diese Jugend!" zu machen. Dabei ist sie sehr neugierig, hat vor wenigen Dingen Angst und genießt es durchaus, mit mir Ausflüge zu unternehmen.
Akaëna hat mir alles beigebracht, was man über Katzen wissen muß. Durch Arioch bin ich zum aktiven Tierschutz gekommen. Hijuela hat mir gezeigt, daß auch das Alter angenehme Seiten hat und daß die Scheu, ältere Tiere aufzunehmen, völlig unbegründet ist. Sie soll und kann kein Ersatz für Akaëna, Xiombarg und Chimaïra sein, das wird keine Katze jemals können und jeder Vergleich wäre allen Teilen gegenüber unfair. Sie hat es auf ihre ganz eigene Art geschafft, sich in mein Leben zu "schummeln", daß ich mir gar nicht mehr vorstellen kann, wie wir ohne sie je auskommen konnten. Und ich hoffe, daß sie mir lange erhalten bleibt, immerhin sind 14 Jahre für eine Katze schon ein fortgeschrittenes Alter. Aber ich vertraue da auf meine Freundin, die prophezeite, bei meiner Pflege würde das Tier sicher viel älter als 20 Jahre. (Ich hoffe inbrünstig, daß sie zumindest in diesem Punkt keine zu hohe Meinung von mir hat.)
P. S. Erinnerung verklärt, ich weiß. Vielleicht waren die Fernsehsendungen der ehemaligen DDR gar nicht so gut, wie ich eingangs erzählte. Und vielleicht war auch das Sandmännchen keine Sendung, die man unbedingt kennen muß. Und wer weiß, vielleicht ordne ich sogar die Eröffnungsmelodie falsch zu und sie gehört zu einer völlig anderen Sandmännchen-Serie. Aber wen interessieren schon Tatsachen?