"Arioch, du bist ein kleiner Sausack! Laß das, das tut doch weh!" Die Antwort ist ein leises Kichern (zumindest bilde ich mir das ein), in seiner Position weiß er sich fast unangreifbar: er hat sich in meine Bettdecke zurückgezogen und bearbeitet von dort aus übermütig meine Beine. Ein Blick auf den Wecker zeigt mir, das es fast fünf Uhr und ohnehin fast an der Zeit ist, mich um meine Schützlinge draußen zu kümmern, ich gehe also noch ein paar Minuten lang auf seine Aufforderung zum Spiel ein. Das bringt mir außer ein paar weiteren Kratzern nichts ein, mein kleiner Kater lacht mich aus für meine halbherzigen Versuche, ihn zu erwischen. Inzwischen ist auch Akaëna an meinem Bett aufgetaucht und beschwert sich über meine laxe Einstellung zu den ernsten Dingen des Lebens. Statt zu spielen sollte ich doch lieber in die Küche gehen und etwas Eßbares suchen, bedeutet sie mir. "Keiner kümmert sich um die Katze!" muß ich mir anhören. In das Unvermeidbare fügt man sich besser schnell; ich verlasse also das Bett und stolpere schon beim ersten Schritt über Chimaïra, die sofort laut loskeift. Recht hat sie, ich sollte es ja wissen, daß sie morgens manchmal hier liegt und versuche sie damit zu trösten, daß Menschen eben von Natur aus dumm sind und schlecht sehen können. Halb besänftigt, aber immer noch laut schimpfend,
verläßt sie den ungastlichen Ort. So habe ich die ersten schweren Fehler wieder einmal begangen, ehe ich ganz wach bin - das tägliche Chaos hat mich wieder. Also auf zur Küche, ehe irgend jemand hier verhungert. Inzwischen hat man aber seine Meinung geändert; nicht mehr Küche und Hunger sondern Frischluft und Balkon. Zu einer Diskussion mit Akaëna, bei der ich ohnehin regelmäßig unterliege, bin ich noch nicht bereit, also öffne ich die Balkontür, klemme einen Feststeller ein und habe so für den Moment Ruhe. Ich räume derweil den Futterplatz auf, spüle die Näpfe, fülle frisches Wasser ein; was morgens eben so anfällt. Ich fülle zwei große Näpfe mit Futter, mische heiße Milch mit Vitaminflocken, fülle eine Flasche mit Wasser, packe alles in einen Korb, ziehe mir schnell etwas über und mache mich auf den Weg, um die Katzen draußen zu füttern. Heute bin ich wohl etwas zu früh od
er zu spät, kein Tier ist zu sehen, aber die Näpfe von gestern abend sind leer. Ich stelle frisches Futter hin, spüle Wasser- und Milchschale aus und fülle auf. Der Duft frischen Futters hat offenbar gewirkt, eine Katze (schwarz, andere haben wir nicht) kommt und wartet darauf, daß ich wieder verschwinde. Als ich die Wohnungstür aufschließe, kommen mir drei meiner Chaoten entgegen, Akaëna geht eine halbe Etage nach unten und wälzt sich dort genüßlich auf dem kalten Stein, Chimaïra klettert ein Stockwerk nach oben und prüft, ob sich seit ihrem letzten Besuch gestern etwas verändert hat, Arioch kann sich nicht recht entscheiden und wartet erst einmal vor der Tür. Xiombarg, die bisher noch nicht in Erscheinung getreten war, wartet in der Küche auf mich. Essen will sie nicht, aber weil sie so brav war, erwartet sie zur Belohnung ein paar Vitamintabletten. Nachdem ich der diskreten Aufforderung nachgekommen bin, setze ich mich auf
die Treppe, um das Ende des Ausflugs abzuwarten. Und da ich jetzt ein wenig Zeit nachzudenken habe, stelle mir wieder einmal die Frage: Aus welchem Grund lasse ich, ein einigermaßen normaler Mensch, volljährig, nicht entmündigt, nicht unter Vormundschaft oder Pflegschaft stehend, dieses Ritual in dieser oder ähnlicher Form täglich wieder über mich ergehen? Und, wie so oft, wandern meine Gedanken zurück in eine Zeit, da mein Leben noch in geregelteren Bahnen verlief ...
An dieser Stelle seien mir einige persönliche Worte erlaubt. Immer wieder werden mir zwei Fragen gestellt: Wie kommen Deine Katzen zu den ausgefallenen Namen? und: Wieso betreibst ausgerechnet Du mit Deinen Persern aktiven Tierschutz? Um nicht ständig die gleichen Dinge zu erklären und auch, um mich selbst ein wenig vorzustellen, will ich an dieser Stelle versuchen, die Geschichte meiner Katzen zu erzählen.
Zunächst ein paar rein statistische Daten zu mir selbst: Ich bin 1949 geboren, von Beruf Systemtechniker, mit einer Italienerin verheiratet und fröne einer Reihe von Hobbys wie Kochen, Computer, Science Fiction & Fantasy, Flohmarktbesuche und Ausstellung ungedeckter Schecks. Zu Katzen hatte ich bis vor drei Jahren ein zwiespältiges Verhältnis: Ich mochte sie zwar sehr, aber eben aus der Ferne und hielt es aber nicht für richtig, sie in eine Hochhauswohnung zu sperren. Und so könnte ich auch heute noch ruhig und in Frieden leben, wäre da nicht der Urlaub vor drei Jahren in Spanien gewesen.
Mein Schicksal ereilte mich Sonntag, den 6. Mai 1990 auf dem Flohmarkt in La Nucia. Ein in der Gegend ansässiger Perserzüchter hatte, um Reklame für sich zu machen, ein paar Tiere ausgestellt, darunter ein zwei Monate altes rotbraunes Pelzbündel, bei dem man nur mit viel gutem Willen glauben konnte, daß sich daraus eine schwarze Perserin entwickeln sollte. Eine Woche lang versuchten wir verzweifelt, uns einzureden, es sei sinnlos, eine Katze aus Spanien mitzunehmen. Am nächsten Sonntag waren Züchter und Katzen wieder da, und ich suchte krampfhaft nach Argumenten gegen einen Kauf. Geschlagen durch die Erklärung meiner Frau, ohne diese Katze käme sie nicht mit nach Deutschland zurück, erkundigte ich mich nach dem Preis, erhielt aber als Antwort nur eine Adresse und die Aufforderung, doch einmal zu Besuch zu kommen. Wir ließen eine Schamfrist bis Montagabend verstreichen, dann war es so weit. Hatten wir aber gedacht, wir könnten einfach so eine Katze kaufen, wurden wir sofort eines Besseren belehrt. Eine Stunde lang unterhielten wir uns und mußten dabei unser Gegenüber davon überzeugen, würdig zu sein, Estela de la Casa Roja zu erwerben. Zunächst blieb sie noch beim Besitzer, sie mußte entwurmt und geimpft werden und nie vorher habe ich ein Urlaubsende so herbeigesehnt. Über den Namen waren wir uns schnell einig: Aus einem Roman von Jack London ging mir seit vielen Jahren der Name Akaëna nicht aus dem Sinn, und genau so sollte sie heißen. Am letzten Tag holten wir sie ab, machten Besuche bei (fast allen) Freunden mit ihr, es folgte eine nervige Rückfahrt mit vielen Pausen, dann betrat Akaëna ihr neues Heim. In kürzester Zeit hatte sie sich eingelebt und wir hatten unsere Wohnung an sie verloren. Inzwischen hat sie sich zu einer wunderschönen jungen Katzendame entwickelt, sehr selbstbewußt und intelligent und niemals bereit, sich unterzuordnen. Bei aller Bescheidenheit ist sie wohl die tollste Katze der Welt. Und das Verhängnis nahm seinen Lauf ....
Wer sich auch nur ein wenig mit Katzen auskennt, kann sich die Fortsetzung leicht ausmalen: Zwei Berufstätige, eine Katze ganz allein in der großen Wohnung - das schreit ja förmlich nach einer Änderung! Und so kam es dann auch, nach knapp zwei Monaten war mein Widerstand dahingeschmolzen und ich sah mich nach einer Spielgefährtin um. Von Züchter zu Züchter wurde ich weitergereicht - eine Perserin sollte es vorsichtshalber sein - aber es war gar nicht einfach, ein Tier im passenden Alter zu finden. Dann der Erfolg: ja, eine Tricolor etwa gleichen Alters sei abzugeben. Ich sagte meiner Frau nichts, es sollte eine Überraschung werden, und suchte die Züchterin auf. Die Tricolor gefiel mir, mein Entschluß war so gut wie gefaßt. Da sei auch noch eine etwas jüngere Blaucreme, wurde mir plötzlich mitgeteilt, aber die versteckt sich ständig und müsse erst gesucht werden. Dann wurde mir plötzlich ein Fellbündel in den Arm gedrückt, zwei riesige Kinderaugen blickten mich verängstigt an, in meinem Hirn machte es laut und vernehmlich KLICK! und die Tricolor war vergessen. (Ein wenig tat sie mir leid; hübsch wie sie war, wird sie ihren Weg aber schon gemacht haben.) Ihr Auftauchen in der Wohnung führte bei meiner Frau fast zu einem Herz- und bei Akaëna zu einem Tobsuchtsanfall. Nun zahlte es sich aus, daß wir uns immer intensiv mit ihr beschäftigt hatten, ich erklärte ihr eine halbe Stunde lang, was wir von ihr erwarteten, dann hatte sie offensichtlich begriffen, daß mir die Angelegenheit sehr wichtig war. Mit einer Engelsgeduld versuchte sie dann den Rest des Abends, mit ihrer Gefährtin zu spielen. Die aber wußte nicht, wie ihr geschah und wollte sich nur verstecken. Hin und wieder sah Akaëna mich verzweifelt an als wolle sie sagen, das sei ja nun wahrlich nicht ihre Schuld; aber noch am selben Abend schliefen sie aneinandergekuschelt ein - ein völlig neues Erlebnis für uns. Problematisch wurde der Name: Scillana ot Czarnego paßte uns nicht. Aus den Werken eines meiner Lieblingsautoren in der Fantasy, Michael Moorcock, war mir die Königin der Schwerter Xiombarg haften geblieben, der Name sollte unserer neuen Gefährtin etwas Mut verleihen. Ein netter Versuch, aber leider ohne Erfolg: Xiombarg ist bis heute ein kleiner Feigling geblieben. Aber wen stört das schon? Und, nebenbei bemerkt, ist sie wahrscheinlich die tollste Katze der Welt. (Las ich das nicht unlängst schon irgendwo?)
Die Geschichte wäre jetzt eigentlich zu Ende, eine Steigerung von keiner auf zwei Katzen reichte uns, mehr sollten es wirklich nicht werden. (Nein, das war nicht nett, über mich zu lachen. Heute weiß ich es auch besser, aber damals hielt ich unsere Wohnung für ausgefüllt.) Aber gerade das macht mich ja so menschlich, daß auch ich mich mal irre. Und außerdem ist auch noch kein Wort über Tierschutz gefallen!
Wieder einmal fing alles ganz harmlos an. Auf einer Katzenausstellung lernte ich eine junge Dame kennen, die sich gerade zwei Britisch Kurzhaar zugelegt hatte und eine Zucht beginnen wollte. Karthäuser, die bekannteste Farbvariante dieser Rasse, sind ja so toll, fand nicht nur meine Frau, und so tauschten wir unsere Adressen aus. Einige Monate später dann ein Anruf: Nachwuchs ist da, besteht noch Interesse? Nein, eigentlich nicht, aber ich komme mir den Wurf mal ansehen, neugierig bin ich schon... Die Folge war ein 2½ Monate anhaltendes Versteckspiel, ich hatte ein Geburtstagsgeschenk für meine Frau gefunden, die davon natürlich nichts wissen sollte. (Vermag irgend jemand zu ermessen, wie oft man sich in einer solchen Situation verplappern kann? Ich danke für das Verständnis.) Eine bildhübsche blau-creme Britin sollte es sein, es war die frechste aus dem Wurf, sie sollte sich immerhin gegen zwei ältere Katzen durchsetzen. Und da sie schon damals keifen konnte, was das Zeug hielt, fiel die Auswahl des Namens nicht allzu schwer. Tief in der griechischen Mythologie wurde diesmal geschöpft und die Chimaïra ausgewählt. (Wer auf diesem Gebiet nicht so bewandert ist, hier kurz der Abriß: Hera, verärgert durch die ständigen Eskapaden ihres Göttergatten Zeus, übte sich auch im Seitensprung, aus dem Typhon entsprang. Aus dessen Verbindung mit Echidna entstanden Kerberos, Hydra, Sphinx, Löwe und Chimaïra, letztere ein feuerspeiendes Ungeheuer, das in die deutsche Sprache als Schimäre Einzug gefunden hat.) Und der Name war gut gewählt, wenn sie verärgert ist, hat Bärchen, (so wird sie wegen ihres Aussehens wie ein Plüschteddybär auch gerufen), tatsächlich etwas von dieser historischen Figur an sich. Inzwischen ist auch sie längst untrennbarer Bestandteil unseres Lebens. Und selbstverständlich, wen würde das verwundern, ist sie die tollste Katze der Welt. (Seltsam, aber mir kommt dieser Ausdruck langsam irgendwie bekannt vor.)
Tja, und dann war da doch noch Arioch, mit dem diese Geschichte ihren Anfang nahm. Mit ihm hat es eine eigene Bewandtnis. Sind die anderen drei Rasse- oder Edelkatzen (blödsinnige Begriffe, was wäre denn der Gegensatz dazu, aber es gibt sie nun einmal) ist er ein Streuner, die drei sind Katzen, er ein Kater. In der Geschichte über Pepsi hatte ich schon über die Katzen in unserer Gegend erzählt. An der Fütterung beteiligte ich mich seit einiger Zeit, das Einfangen zur Kastration und die Vermittlung der jungen Katzen überließ ich damals noch anderen. Und genau hier kommt mein kleiner Kater ins Spiel. Eigentlich paßte er gar nicht in meine Pläne, sollte doch 1½ Wochen später unsere Britin zu uns stoßen. Aber wenigstens zum Tierarzt wollte ich mit ihm - und wer kann schon dem Charme eines etwa sechs Wochen alten Katers widerstehen? Wie ein Wirbelwind brach er in mein Leben, tollte sich in aller Herzen und die Namensgebung war eine Formsache: Bei Moorcock (Fantasy, Ihr erinnert Euch?) ist Arioch der Fürst des Chaos, und nie, behaupte ich, hat ein Kater seinem Namen solche Ehre gemacht wie er. Wo er ist, herrscht das Chaos, und es ist wirklich nicht seine Schuld, daß er nicht überall sein kann. Und bis heute begreife ich nicht, wodurch ich mir seine Zuneigung verdient habe; in seinem kleinen Herzen hat außer der Liebe zu mir nur sehr weniges Platz. Er ist inzwischen ein hübscher Kerl geworden, der vor nichts außer vor Akaëna Respekt hat. Im Übrigen ist er (und jetzt bitte alle im Chor) der tollste kleine Kater der Welt. Durch ihn habe ich eingesehen, daß Füttern allein eben noch kein Tierschutz ist. Für seine Mutter konnte ich leider nichts mehr tun, sie wurde ein paar Wochen später überfahren, aber dem Rest seiner weitläufigen Verwandtschaft konnte ich inzwischen doch teilweise helfen. Natürlich mußten noch ein paar Dinge geschehen, bis ich mich zur aktiven Arbeit aufraffte, aber ohne Arioch wäre es sicher nicht dazu gekommen. Uns ohne Akaëna auch nicht, denn ohne sie wäre mein Leben mit Sicherheit auch anders verlaufen. Und so geht auch die Diskussion, ob Haus- oder Rassekatzen, für mich am Thema vorbei. Beide haben ihren eigenen Stellenwert, ein entweder ... oder ist völlig unzulässig; auch Rassekatzenzüchter haben ihre "stinknormale Hauskatzen", auf die sie so stolz sind wie auf ihre Zucht mit Stammbaum bis zur Arche Noah; und nicht nur ich wäre ohne Edelkatze nie zum Tierschutz gekommen. Also vergessen wir bitte den alten Streit und freuen uns über unsere Tiere!
Mein Chaosteam hat inzwischen beschlossen, es sei an der Zeit, in heimatliche Gefilde zurückzukehren. Alle immer wieder lobend erhebe ich mich, folge ihnen in die Wohnung und ziehe die Tür hinter mir zu. Ein ganz normaler Tag hat seinen Anfang genommen. Ganz so geht es aber nicht jeden Tag zu, manchmal wird es morgens auch etwas hektisch.
Neulich fragte mich meine Frau, ob ich mir ein Leben ohne unsere vier Schätzchen noch vorstellen könne. Mach Dich nicht lächerlich, mußte ich antworten, Du weißt doch, daß ich mir aus Katzen nicht viel mache!
© 1993 H. Friedrich